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Erst gucken, dann drucken, lieber Marktkorb! PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Barbara Grün   
Sonntag, 03 September 2006

Im Marktkorb vom 3.09.2006 findet sich eine kleine Notiz zur Kopfschmerz-Frei Beratungswoche in Apotheken.
Was zunächst stutzen lässt ist der Hinweis, die teilnehmenden Apotheken finde man unter einer diesem Thema gewidmeten Internetseite des Deutschen Grünen Kreuzes, www.forum-schmerz.de. Wieso muss denn da unterschieden werden in teilnehmende und nicht teilnehmende Apotheken? Kann mich nicht jede Apotheke hinsichtlich dieses Themas beraten? Sollte man doch meinen, besonders, wenn man selbst Apothekerin ist und weiß, welche Schäden der Missbrauch von Schmerzmitteln individuell und gesundheitspolitisch anrichtet.

 

Doch bei Betrachtung der empfohlenen Internetseite wird deutlich, das hier Marktkorb und DGK mächtig in die Fallstricke der verdeckten Pharmawerbung gepurzelt sind. Denn welche Empfehlung wird dem geplagten Menschen dort gegeben? 

 "Kopfschmerzen besser kombiniert behandeln"

und:

"Eine neue amerikanische Studie zeigt, dass zum Beispiel die Kombination aus Acetylsalicylsäure (ASS), Paracetamol und dem natürlichen Wirkbeschleuniger Koffein bei Migräne wirksamer ist als Sumatriptan, die Leitsubstanz für Triptane."

An wen richtet sich eigentlich diese Botschaft? Lieber Leser, wissen Sie, was Triptane sind? Und wozu man sie braucht? Aber es wirkt ungeheuer kompetent und überzeugend. Auch "neue amerikanische Studie" und "kombiniert behandeln"  klingt doch beeindruckend. Und ein "natürlicher Wirkbeschleuniger" kann doch gar nicht verkehrt sein.

Lieber Marktkorb,  Euer eigener Beitrag zu Maßnahmen bei Kopfschmerzen (weiter hinten in der gleichen Ausgabe) ist nahezu tadellos - warum habt Ihr Euch nicht die Mühe gemacht, selber mal nachzuschauen, wofür Ihr mit der Internetseite unter dem Schutzmantel des Grünen Kreuzes Werbung macht? Mal den Apotheker um die Ecke befragt? Denn was von industriefinanzierten Studien zu halten ist, liest jeder Fachmann allmonatlich z. B. im  Arzneitelegramm Und welche Kombination - besser: welches Markenpräparat da stets und ständig auf diese amerikanische Studie verweisend für sich wirbt, dafür brauchts kein Pharmazie-Studium, um das zu erkennen. Man muss die großen Rückrufaktionen des damals noch zuständigen Bundesgesundheitsamtes nicht miterlebt haben, ein Blick in das Standard-Lehrbuch genügt: "Es ist wahrscheinlich, dass der Missbrauch von Analgetika (Schmerzmitteln BG) hauptsächlich mit solchen Kombinationspräpataten [...] erfolgt. [...] Kombinationspräparate sind daher, solange nicht das Gegenteil überzeugend gezeigt ist, als wenig sinnvoll zu bezeichnen" (Mutschler, Arzneimittelwirkungen, 8. Auflage 2001, 241).

Koffein-haltige Mischanalgetika sind, sehr milde umschrieben, umstritten. Nicht umsonst haben die ehemals großen Marken die Zusammensetzung ihrer Mittel damals umgestellt - bis auf eine. Und nicht umsonst sind die Großpackungen vom Markt verschwunden - auch die dieser einen Marke, denn Dauergebrauch führt nicht nur zu Nierenschäden, sondern, was besonders pikant ist: zu Kopfschmerzen.

 
Immerhin, die Message kommt an: "Die sehr guten wissenschaftlichen Ergebnisse zeigen, dass die Kombination aus ASS, Paracetamol und Koffein in der Selbstmedikation eindeutige Vorteile hat und deshalb in der Apotheke das Mittel der ersten Wahl sein sollte, rät Dr. Jan-Peter Jansen,  medizinischer Leiter der Stiftung Kopfschmerz, Berlin."

Man muss nur mal kurz nach dem Namen googeln, da erscheinen schon seine Lobpreisungen des Marktführers in Sachen Kopfschmerztabletten auf z.B. einer Pressekonferenz des Unternehmens Boehringer-Ingelheim in Istanbul. Die anderen Expertennamen wurde nicht weiter rückverfolgt - jedenfalls ist ein Experte, der Honorare von der Industrie für Vorträge oder Veröffentlichungen bekommen hat, nicht mehr wirklich neutral. Sowas nennt man in der Sprache der wissenschaftliche Veröffentlichungen "Interessenskonflikte", die zumindest benannt werden sollten. 

Zur Info: Boehringer Ingelheim ist der Mutterkonzern von Thomae, und das von dieser Firma vermarktete Produkt beherrscht seit langem den Markt - und die Kopfschmerzforen des Internet. Ein Kombinationspräparat mit ASS, Paracetamol und Koffein - genau das, was das damalige Bundesgesundheitsamt eigentlich nicht mehr auf dem deutschen Pharma-Markt dulden wollte.


Und hier ein dickes Lob für Fulda: auf der Liste der an dieser "Kampagne" teilnehmenden Apotheken findet sich nur 1 (eine) Fuldaer Apotheke. Nun, und damit ist ja auch noch nicht gesagt, dass sie das Infomaterial unkritisch nutzen.

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