Home arrow Fulda von oben arrow Stadtverordnete arrow CWE
Neoliberalismus meets Fulda PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Ronald Wölfel   
Donnerstag, 24 August 2006

Die Auswirkungen des Neoliberalismus und von Hartz IV lassen sich auch in Fulda nicht mehr länger vertuschen, zu offensichtlich treten sie in der Öffentlichkeit zu Tage.

Auf Osthessen-News erschien am 23.08.06 ein Bericht über die Armutstendenzen im Bistum. Unter dem Stichwort "Bestandsaufnahme Armut" wurden verschiedene Caritas-Organisationen in Kassel und Fulda einbezogen. Caritas wusste natürlich schon vorher Bescheid:

"Bei Einführung der entscheidenden Sozialgesetzbücher SGB II und SGB XII hatten die Wohlfahrtsverbände ihrer Befürchtung Ausdruck verliehen, dass es zu einer steigenden Verarmungstendenz kommen würde. Die Caritas Fulda wollte es aber ganz genau wissen."
heißt es im Originaltext.

Doch direkte Kritik an der Stadt Fulda sucht man vergeblich, lieber gibt man die Schuld dem Gesetzgeber. Die Stadt Fulda, die den Weg des verschärften Hartz IV (der Optionskommune) freiwillig beschritten hat, wird nicht genannt. Auf Klausurtagungen wird die mit Abstand größte Wohlfahrtsorganisation über konkrete Hilfe nachdenken. Hilfe, die erst gar nicht notwendig gewesen wäre, hätte die Bundesregierung nicht mit Absicht Löcher in das soziale Netz geschnitten.

Tiefstes Mittelalter 

Zur Diskussion stehen dabei "Etablierung alternativer Arbeitsbeschaffungsprojekte bei der Caritas, aber auch die Schaffung von Caritas-Cafes als niederschwelliger sozialer Treffpunkt". Bei Osthessen-News heißt es in Bezug auf psychosoziale Hilfe, dass nach dem Selbstverständnis der Caritas "die geistliche Dimension als Grundlage des sozialen Handelns immer mitschwingt". Mit anderen Worten: Arme Menschen sind dem Einfluss der katholischen Kirche besonder stark ausgesetzt.

Fuldaer Tafel 

Einen Tag zuvor erschien bei der FZ ein Bericht, nachdem in Fulda ca. 3500 Menschen auf die Fuldaer Tafel angewiesen sind.  Bei Wind und Wetter sind hunderte Fuldaer Bürger unterwegs, um für sich und ihre Familien Lebensmittel in der Weserstraße abzuholen.

Aus der Abhängigkeit der Privatwirtschaft machen die Mitarbeiter der Fuldaer Tafel keinen Hehl. "Wir können nur verteilen, was wir bekommen haben" wird Karin Schäfer in diesem Bericht zitiert. Doch was heißt das konkret? Ein natürlich sehr lobenswerter Verein kümmert sich um die Grundversorgung von 3500 Fuldaer Bürger. Wenn nicht genau dies die Aufgabe der Stadt Fulda ist, was ist sie dann? Doch im "Konzern Stadt" holt jetzt die Betriebswirtschaft die Ärmsten ein. Denn diese sind nun in der Abhängigkeit von privaten Gönnern, die daraus u.U. sogar noch eine PR-Aktion machen. Mercedes Benz sponserte just einen Tag nach der Vorstellung des Vereins "Fuldaer Tafel" in der FZ prompt einen Kleinwagen für den Verein. Es stellt sich die Frage: ein zufälliges Aufeinandertreffen zweier Ereignisse oder eine eingefädelte PR-Aktion?

Kommentar(e)
Caritas eine zweifelhafte Organisation
Geschrieben von Gast am 2006-08-25 11:03:28
Dir ist hoffentlich klar, dass die Caritas umgehend Deine Ausweisung aus Fulda veranlassen wird. Aber im Ernst: Caritas ist eine wirklich zweifelhafte Organisation, die noch nicht einmal einen Tarifvertrag oder eine Gewerkschaft zulässt. 
 
Schlimm ist auch, dass der "katholische Einfluss" letztendlich auch vom Steuerzahler bezahlt wird. Denn schließlich finanziert sich Caritas nicht nur zu einem geringen Prozentsatz aus Spenden.
sachlicher Fehler
Geschrieben von Ronald am 2006-08-26 12:24:19
Ich wurde auf folgenden sachlichen Fehler in einer Mailingliste aufmerksam gemacht: 
> Ein sachlicher Fehler: Die Stadt Fulda ist nicht  
> Optionskommune, sondern der Kreis. 
 
Das stimmt, doch die Stadt hatte bei der Einführung bestimmt ein Mitspracherecht oder kam das par ordre de mufti?
Einige Anmerkungen
Geschrieben von Ronald am 2006-08-31 12:09:56
Die folgenden Anmerkungen bekam ich ebenfalls über eine Mailingliste, ich gehe darauf im darauffolgenden Kommentar ein: 
An diesem Punkt [Einfluss der kath. Kirche] wäre meines Erachtens zu unterscheiden 
 
- was sachlich richtig ist auch unter historischen Aspekten 
- was aus einer kritischen oder ablehnenden Haltung gegenüber der oder den Kirchen (Auch das Diakonische Werk gibts ja noch) resultiert und 
- was Deiner Meinung nach effektiv zur Armutsbekämpfung seitens der kirchlichen Hilfswerke (Caritas) getan werden sollte-unter Beachtung der Mittelkürzung auch seitens des Landes Hessen 
Antworten auf die Anmerkungen
Geschrieben von Ronald am 2006-08-31 12:18:56
> - was aus einer kritischen oder ablehnenden Haltung gegenüber der oder den Kirchen (Auch das Diakonische Werk gibts ja noch) resultiert und 
 
Meine ablehnende Haltung bezieht sich nicht nur auf Kirchen (egal welche Marke), sondern auf jegliche Religionsgemeinschaften, die Expansionspolitik betreiben. In schwierigen Lebenslagen ist man einfach besonders anfällig für Übersinnliches. 
Das Prinzip ist immer: Menschen in Not (die gibts ja nicht nur in Afrika, obwohl das Prinzip dort das gleiche ist), müssen sich an eine Hilfsorganisation wenden und bekommen dort (ganz kostenlos) neben der Hilfe gleich ein Weltbild und eine geistliche Dimension. Ich erinnere nochmal an den Satz in Osthessen-News: 
Die geistliche Dimension als Grundlage des sozialen Handelns schwingt immer mit. 
 
- was Deiner Meinung nach effektiv zur Armutsbekämpfung seitens der kirchlichen Hilfswerke (Caritas)getan werden sollte-unter Beachtung der Mittelkürzung auch seitens des Landes Hessen 
 
Zunächst einmal sollte der Schwerpunkt (nicht nur bei Attac, sondern auch in der Politik) immer darauf liegen, Armut zu vermeiden, statt Not zu lindern! 
 
Ich mag mit meiner Meinung nicht im Trend liegen, aber ich halte die Versorgung von hilfsbedürftigen Menschen für eine staatliche (oder kommunale Angelegenheit). Insofern bin ich natürlich auch dafür, dass die Mittel zugunsten des Staates weiter gekürzt werden. In jedem Fall sollte aber das Gemeinwohl vor dem Wohl der jeweiligen Struktur (Konzern) stehen, aber natürlich wird jeder überzeugte Caritist etc. sagen, das ist so. 
 
Ich bringe hier mal einen scheinbar gar nicht so naheliegenden Vergleich einer Institution, die ebenfalls seit Jahren größer und größer wird: Das europ. Patentamt. Es gibt ein immenses(!) Interesse, dass sich das Patentwesen ausdehnt. Das sieht man auch an Stoff-, Gen- und Softwarepatenten. Das liegt daran, dass sich rund um das Patentwesen manches verselbständigt hat, d.h. es verdienen: Rechtsanwälte, Patentprüfer, Beamte und natürlich erscheinen Patente (trotz hundertausender Patente) immer noch als etwas Innovatives. Die Patentprüfer bekommen einen Bonus, d.h. einen finanziellen Anreiz für jedes angenommene Patent, niemand hat ein Interesse daran, dass Patente abgelehnt werden. (siehe auch: http://www.beautifulda.de/bf/content/view/36/3/ ) 
 
Juristen, von denen viele im Europaparlament sitzen, sind die treibende Kraft hinter Patenten jedweder Art, da steckt nichts als Eigeninteresse dahinter. Der ursprüngliche Zweck, nämlich Innovation zu fördern, ist schon längst vergessen, das Patentwesen hat sich schon längst verselbständigt.  
 
Und ich bin mir ehrlich gesagt nicht mehr sicher, ob an Armutsbekämpfung wirklich jeder Politiker interessiert ist. Wie z.B. das bedingungslose Grundeinkommen bei den "Oberen" der Wohlfahrtsverbände diskutiert wird, kann sich jeder selbst ausmalen. 
 
 
Außerdem halte ich kirchliche Hilfswerke nicht unbedingt für wünschenswert, ja geradezu gefährlich, wenn man bedenkt, dass der "gute Name" auch missbraucht werden kann. Ein Beispiel von Missbrauch sind die Drückerkolonnen vom Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland e.V (nicht kirchlich!) und der Johanniter. Gezeigt wurde das bei der Frontal Sendung vorgestern abend. Bei anderen Wohlfahrtsverbänden wäre die Mitgliederwerbung aber ebenfalls schon "ausgelagert". 
 
Bei Caritas denke ich unmittelbar an "Konzern Kirche", ein Unternehmen mit 500000 abhängig Beschäftigten und viel Macht. Ich kenne mehrere Personen die bei Caritas beschäftigt sind (und waren) und diese meine Meinung teilen. Der direkte Einfluss dieses Wohlfahrtsunternehmens wirkt sich natürlich auch auf die freie Meinungsäußerung (z.B. in Newsgruppen) aus, denn bei Kritik an der Kirche oder spätestens bei der öffentlichen Bewertung von z.B. Homosexuellen-Ehen etc. schlägt dann die Schere im Kopf zu. Indirekt betroffen ist davon (z.B. wenn es um Scheidung geht) natürlich die ganze Familie, dann sind es vielleicht schon 1,5 - 2,5 Mill. Menschen, die das betrifft. Konzernstrukturen als solche sind schlimm, noch schlimmer ist es, wenn man den Konzern per se für einen "guten Konzern" 
hält. 
 
Viele Grüße 
Ronald 
 
 
PS: Ich habe mich gestern abend mit einem Caritas-Mitarbeiter unterhalten, der die von mir oben angesprochene Beeinflussung selbst nie kennengelernt hat und deshalb für übertrieben hält. Aber selbst wenn man auf die persönliche Erfahrung dieses sehr jungen Menschen vertraut, bleibt das Problem, dass die Caritas (und nicht etwa der Staat) jederzeit die Spielregeln ändern kann. 
 
Kirche im Dorf lassen
Geschrieben von Gast am 2006-09-03 17:05:07
Du schreibst: Insofern bin 
ich natürlich auch dafür, dass die Mittel zugunsten des 
Staates weiter gekürzt werden. 
 
Ich hoffe jedoch für uns beide und gehe auch davon aus, daß Du genau das Gegenteil meinst, mänlich daß die Mittel zugunsten des Staates nicht gekürzt werden. 
 
Deine Kritik an den wie auch immer beschriebenen und eingegrenzten großen Wohlfahrtsorganisationen ist sicher zu einem ansehnlichen Teil berechtigt (auch die Malteser beschäftigen professionelle Mitgliederwerber) 
 
Jedoch muß man immer mitbeachten, daß es immer zwei Seiten gibt. es gibt die Institutionen und es gibt die jeweils einzelnen und mit sich selbst im Reinen sein wollenden Mitarbeiter. So ist es natürlich trotzdem glücklicherweise möglich, daß auch Mitarbeiter eines eigentlich nicht so guten großen "Konzerns" trotzdem im konkreten Fall das einzig richtige, das Gute oder das Bessere oder das weniger Schlechte tun. 
 
Also sollte man ganz abgewogen niemals pauschal etwas in die Tonne treten, sondern immer auch die einzelnen Umstände mitbeachten, bevor man das große Kaliber auspackt, finde ich. 
 
Aber wesentliche Punkte deines "Bauchwehs" kann ich mitverstehen.
heidnische Grüße
Geschrieben von Gast am 2006-09-03 17:09:02
> Ich hoffe jedoch für uns beide und gehe auch  
> davon aus, daß Du genau das Gegenteil meinst,  
> mänlich daß die Mittel zugunsten des Staates  
> nicht gekürzt werden. 
 
Hier vermute ich mal ein eklatantes Missverständnis: Die Mittel der Kirche (die sie ja auch vom Staat bekommt trotz der eigentlich gesetzlich verankerten Trennung von Kirche und Staat in diesem unseren Lande) sollen zurück an den Staat, damit der seiner ureigensten Aufgabe ohne ideologische Beeinflussung, sondern als gesellschaftliche Institution wahrnimmt und Für- und Vorsorgepflichten seinen Bürgern gegenüber wahrnimmt. Wie der Staat - der wir letztlich alle sein sollten - mit seiner Knete umgeht, können wir zumindest mit Forderungen beeinflussen. Oder bei Wahlen. Wie ein "gut meinender" Konzern mit seinen Mitteln umgeht, entzieht sich dem Einflussbereich des Bürgers. Er kann allenfalls sein Verbraucherverhalten ändern. Ich kaufe nix mehr bei Kirche, auch kein gutes Gewissen ;) Naja, ist jedenfalls nicht wirklich die Alternative. 
 
Grundsätzlich: gesellschaftliche Probleme müssen auch gesellschaftlich gelöst werden. Die Kirche(n) bilden einen eigenen Raum innerhalb unserer Gesellschaft - mit eigenen Datenschutz-, Berufsverbots-, Kündigungsschutz- und weiß der Geier noch sonstigen eigenen Rechtsbestimmungen, außerhalb der für einfache Bürger und Firmen geltenden Bestimmungen. 
 
> Deine Kritik an den wie auch immer beschriebenen und  
> eingegrenzten großen Wohlfahrtsorganisationen ist sicher 
> zu einem ansehnlichen Teil berechtigt (auch die Malteser  
> beschäftigen professionelle Mitgliederwerber) 
 
Das zeigt ja doch nur, dass diese "guten Konzerne" sehr wohl im Kapitalismus bzw Neoliberalismus angekommen sind. QED. 
 
> Jedoch muß man immer mitbeachten, daß es immer zwei  
> Seiten gibt. es gibt die Institutionen und es gibt die 
> jeweils einzelnen und mit sich selbst im Reinen sein  
> wollenden Mitarbeiter. So ist es natürlich trotzdem 
> glücklicherweise möglich, daß auch Mitarbeiter eines  
> eigentlich nicht so guten großen "Konzerns" trotzdem im 
> konkreten Fall das einzig richtige, das Gute oder das  
> Bessere oder das weniger Schlechte tun. 
 
Remember: Es gibt kein richtiges Leben im falschen! 
 
Dadurch, dass es "gute" Mitarbeiter in einem Konzern gibt, machts den Konzern als solchen noch lange nicht gut. Auch ich versuche, innerhalb meines Jobs mehr meinem Gewissen denn dem Nutzen des Unternehmens zu gehorchen. Das gibt ein gutes Gefühl - aber man darf doch dabei nicht vergessen, dass die Institution als solche möglicherweise fragwürdig ist. Das gilt für Kirche(n) weitaus mehr als für z.B. Apotheken. Auch im Arbeitsamt oder Amt für Arbeit und Soziales lassen sich sicher Einzelne finden, die mit Idealismus und großem Engagement dabei sind - dennoch ist das System falsch. Gerade was die historische Entwicklung und die gesellschaftliche Rolle der Kirche(n) betrifft - soziale Feuerwehr, Meinungsmacher, Volksverhetzer (ja, die gabs da ja auch), Versorger der Armen und Schwachen und gleichzeitig gewaltiger Mitentscheider, wenns darum ging, wer für die Zustände, die schutzlose Arme und Schwache überhaupt erst produziert, politisch verantwortlich ist - na, also daraus kann ich nun wahrlich keine Existenzberechtigung für sowas wie die Caritas etc. ableiten. 
 
Just my 2 cents 
 
Heidnische und herzliche Grüße 
Barbara 
 
Kapitalismus
Geschrieben von Ronald am 2006-09-03 17:13:31
> Ich hoffe jedoch für uns beide und gehe auch 
> davon aus, daß Du genau das Gegenteil meinst, 
> mänlich daß die Mittel zugunsten des Staates 
> nicht gekürzt werden. 
 
ich meinte das so, wie es Barbara in Ihrer Mail nochmal dargelegt hat: der Staat (die Gesellschaft) sollte selbst tätig werden und dann natürlich mit Institutionen aber ohne "mitschwingende geistliche Dimension" helfen. 
 
> es gibt die Institutionen und es gibt die jeweils einzelnen und 
> mit sich selbst im Reinen sein wollenden Mitarbeiter. 
> So ist es natürlich trotzdem glücklicherweise möglich, daß auch 
> Mitarbeiter eines eigentlich nicht so guten großen "Konzerns" 
> trotzdem im konkreten Fall das einzig richtige, das Gute oder 
> das Bessere oder das weniger Schlechte tun. 
 
Der Absatz brachte mich in mehrfacher Hinsicht zum staunen. 
 
- "nicht so gute große Konzerne". Wie kann ich das mit dem Inhalt des Filmes "The Corperation", den wir ja beide gesehen haben, in Einklang bringen? 
 
- der "im Reinen sein wollende Mitarbeiter" 
 
Das höchst ärgerliche am Kapitalismus ist, dass ausnahmslos jeder der im Kapitalismus lebt, diesen auch stützt. Das sind also keineswegs nur die Manager, die Selbständigen und der Personalchef. Als gewöhnlicher Konsument gibt man sein Geld (= geronnene Arbeit) einem Unternehmen und bekommt dafür Ware. Doch was mit diesem Geld letztendlich passiert, hat man nicht mehr in der Hand. Natürlich kann man jetzt unterscheiden, ob "gute Sachen", wie z.B. fair gehandelter Kaffee oder böse Waffen (für die es einen "guten Zweck" gibt?) gekauft werden. Aber das System als solches, wird durch beides gleichermaßen gestützt, gefestigt und leider auch erhalten. 
 
Beispiel: Jeder der sich fair gehandelten Kaffee kauft, trägt ein wenig zum Gewinn des Kaffeerösters in Lateinamerika bei. (Experten mögen mir dieses Beispiel verzeihen, ich habe keine Ahnung von Kaffee, das gebe ich gerne zu). Der Röster kann - dank der besseren Bezahlung - Monat für Monat ein wenig Geld beiseite legen. Nach zehn Jahren hat er genug Geld zusammen, sich einen Mercedes zu leisten und stützt damit z.B. die Rüstungsindustrie. Letztendlich ist es aber egal, was er sich kauft, er muss kaufen um zu Überleben und stützt daher das System immer. Wie jeder von uns auch. 
 
Auch wenn es manchmal gesünder ist, sich in Schein- und Traumwelten zu bewegen, bin ich der Meinung, dass man sich dieser Realität stellen sollte. 
 
- Du hast oben sinngemäß etwas von "im konkreten Fall das einzig richtige tun" und "das Bessere" und "das weniger Schlechte" geschrieben. 
 
Das erinnert mich daran, dass ich vor kurzem etwas für eine Firma programmiert habe, die das Reizwort "Human Resources" im Firmennamen trug. Habe ich jetzt falsch gehandelt, hätte ich das Geld für einen "guten Zweck" spenden müssen? Oder ist es ok, weil ich ja damit auch das Fulda Echo gegenfinanziere?  
 
Ich glaube nicht, dass es so etwas wie "das einzig richtige" gibt. Die Welt ist einfach viel komplizierter. Zu welcher Entscheidung man in solchen Situation auch kommt, in jedem Fall sollte man sich darüber im klaren sein, dass es der Kapitalismus ist, der einem zu solchen Entscheidungen zwingt. 
 
> Also sollte man ganz abgewogen niemals pauschal etwas in die 
> Tonne treten, sondern immer auch die einzelnen Umstände 
> mitbeachten, bevor man das große Kaliber auspackt, finde ich. 
 
Ein Experte für Aussagenlogik würde vermutlich behaupten, Du hättest ein Paradoxon aufgestellt. 
Forderung A) "_niemals_ pauschal" 
Forderung B) "_immer_ die einzelnen Umstände beachten" 
Ein _immer_ ist aber pauschal, und damit widerspricht Forderung 
B der Forderung A. Was soll ich jetzt tun? 
Der Satz "sag niemals nie" ist sogar als Beispiel unter 
http://de.wikipedia.org/wiki/Paradoxon 
aufgeführt. 
 
Hier würde ich mich freuen, wenn Du nochmal präzisierst, was Du gemeint hast. Man kann versuchen Kritik vorsichtig zu formulieren. Falls mir das nicht gelungen sein sollte, dann bitte ich um Verzeihung, aber auch um den Hinweis, wo ich den Fehltritt begangen habe. Aber eine Forderung wie "immer und alles abwägen" (auf das man überall etwas "Gutes" findet ?), ist beim Denken eher hinderlich fürchte ich. 
 
> Aber wesentliche Punkte deines "Bauchwehs" kann ich mitverstehen. 
 
Das freut mich. Allerdings bin ich auch sehr über andere Meinungen gespannt, denn wenn immer nur Aktionen durchführt werden, die dem kleinsten gemeinsamen Nenner entsprechen oder man sich nur über Sachen unterhält, bei denen man gleicher Meinung ist, dann führt das m.E. zum geistigen auf der Stelle treten. Ich hoffe der letzte Satz wird nicht wieder als "großes Kaliber" gewertet. 
 
Impulspapier zur Reformpolitik
Geschrieben von Gast am 2006-09-05 10:44:40
am 12. Dezember 2003 veröffentlichten Kardinal Karl Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und Bischof Dr. Josef Homeyer, Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der deutschen Bischofskonferenz, ein "Impulspapier" zur Reformpolitik. Der Titel dieses Papiers lautete "Das Soziale neu denken - Für eine langfristig angelegte Reformpolitik". Mitgestaltet wurde diese Stellungsnahme u.a. von den Professoren Paul Kirchhof und dem ehemaligen Präsidenten der Deutschen Bundesbank Hans Tietmeyer. Tietmeyer ist Kuratoriumsvorstand der Initiative neue soziale Marktwirtschaft (INSM); Kirchhof ist "Botschafteer" der INSM. Ich werde nachfolgend einige Passagen aus diesem 28-seitigen Text zitieren. Der komplette Text befindet sich im Anhang. 
 
"Sicher aber ist eines: Wenn wir nichts ändern, keine Reformen wagen, setzen wir den Sozialstaat aufs Spiel. Wenn nichts getan wird, werden im Ergebnis die Schwachen die Leidtragenden sein." (Seite 9) "Die sozialen Sicherungssysteme haben sich von einer Absicherung gegen Notlagen zu einem undurchschaubaren Dickicht von Transferleistungen entwickelt. Diese erreicht mit einem ständig wachsenden Finanzvolumen fast alle Menschen in Deutschland, belastet sie dabei mit hohen Abgaben und trägt darüber hinaus zu einer hohen Staatsverschuldung bei." (Seite 9) 
 
"Deshalb muss betont werden: Es geht nicht um den Abriss des Sozialstaats, sondern seinen notwendigen Umbau." (S. 10) "Andererseits trägt der Sozialstaat heute selbst dazu bei, dass die Grundlagen gesellschaftlicher Solidarität ausgezehrt werden, besonders dadurch, dass die Solidarität in der Familie durch die heutigen sozialstaatlichen Umverteilungen eher geschwächt als gestärkt wird." (S. 11) 
 
"Auch die bisherigen Sozialberichte der Bundesregierung reichen als Wissensgrundlage für politische Einschätzungen nicht aus. Sie beschränken sich auf retrospektive Darstellung von Gesetzen und administrativen Daten, die das Handeln der jeweiligen Bundesregierung legitimisieren sollen. Sie enthalten keine Wirkungsanalysen und kaum Grundlagen für prospektive Einschätzungen von Gesetzesvorhaben und Alternativen. Die Ausweitung auf eine "Armuts- und Reichtumsberichterstattung" seit 19989, wie sie auch im gemeinsamen Wort "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit" gefordert worden ist, war durchaus ein Schritt in die richtige Richtung. Sie betrifft jedoch nur eine unter mehreren Dimensionen der zu behandelnden Probleme." (S. 16) 
 
"Der Sozialstaat kann nicht "alles selber machen". Sozialpolitik muss dem Einzelnen und den gesellschaftlichen Kräften mehr Raum geben. Dazu wird die Grenze zwischen einem solidarisch abgesicherten klaren Gewährleitungsrahmen für alle und dem Bereich der Eigenverantwortung neu zu ziehen sein, Wurde bisher im steigenden Masse auch im Bereich der mittleren Einkommen der jeweils erreichte Lebensstandard abgesichert so wird es zunehmend erforderlich sein, die Lebenslagen und -Risiken enger zu definieren, für die eine Sicherung notwendig ist." (S. 17) 
 
"Es gibt gute ökonomische Gründe für Wirtschaft und Unternehmen, für sozialen Frieden zu sorgen. Ebenso gibt es soziale Gründe für die Sozialpolitik, ökonomischem Denken Raum zu geben und wirtschaftlichen Fortschritt zu fördern." (S. 19) 
 
"Im Rahmen der Sozialen Marktwirtschaft haben das Wachstum von Wirtschaft und Sozialstaat Wohlstand und Wohlfahrt für viele gemehrt. Es herrschte ein quantitatives Fortschrittdenken, beruhend auf der Auffassung: Je mehr materielle Güter die Menschen haben, um so besser wird es ihnen gehen. Diese Paradigma stößt nun an seine Grenzen und war eigentlich immer falsch." 
Gruß 
XXXXXXXX  
 
PS: Der Link der Erklärung lautet: 
http://www.dbk.de/imperia/md/content/schriften/dbk1b.kommissionen/ko_28.pdf

Nur registrierte Benutzer können Kommentare schreiben.
Bitte melden Sie sich an oder registrieren Sie sich.

Powered by AkoComment 2.0!

 


 


 
< zurück   weiter >