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Rückblick Nazi-(Nicht-)Aufmarsch PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Ronald Wölfel   
Sonntag, 20 August 2006

Der 19.08.2006 - der Tag des 2. Naziaufmarsches in Fulda, der dann ja doch nicht stattfand, ist vorüber.  In mehreren Berichten war von über 1000 Besuchern die Rede. Diese Zahl mag stimmen, doch bedenkt man die lange Liste der Organisationen, die für sich auf dem Domplatz kostenlose Werbung machen durften, ist dies eher ein mageres Ergebnis.  Die Redner auf dem Domplatz rechneten mit mehr, doch keiner wagte die Enttäuschung auszusprechen. Alle Redner dankten - zumindest sinngemäß - für das "zahlreiche Erscheinen".

Vergleicht man die Zahl der Beteiligten mit Wunsiedel (ca. 10000 Einwohner), wo 2004 und 2005 schon Veranstaltungen stattfanden und stattfinden mussten, so ist die Besucheranzahl sogar äußerst gering.  Vgl.  http://www.tag-der-demokratie.de

Aber entscheidender ist die Frage, warum so viele Fuldaer ferngeblieben sind. War es, weil...
 

  • sie der Meinung sind, dass zu Demokratie und Weltoffenheit auch das Demonstrationsrecht gehört?
  • um 11.00 Uhr des 19.08.2006 auf den Seiten der Stadt Fulda noch immer zu lesen war: "Verwaltungsgericht bestätigt Verbotsverfügung der Stadt" (Quelle: Fulda-Blog.de) ?
  • jahrzentelanger Konsum der lokalen Presse einfach Spuren in den Köpfen hinterlassen hat?
  • um 8.40 Uhr schon feststand, dass der Naziaufmarsch nicht stattfinden wird?
  • die Farben braun und schwarz sehr eng beieinander liegen und sich in Fulda sogar überlappen?


Dass nicht der braune Pöbel auf der Straße, sondern in erster Linie "recht(s)schaffene", "vaterlandsliebende" Politiker der NPD nahestehenden Parteien das Problem sind, konnte man auch in der Rede der SPD-Landtagsabgeordneten Frau Waschke hören:

"Im sächsischen Landtag soll ein NPD-Abgeordneter in einen Ausschuß gewählt werden. Das ist ein ganz normaler Vorgang. Aber bemerkenswert finde ich allerdings, dass die NPD in Sachsen 9 Stimmen im Landtag hat und dieser Mann mit 34 Stimmen gewählt wurde, wir konnten das Lesen in den Medien. Wo kommen die 25 Stimmen her? Sie müssen von demokratischen Parteien kommen."

Bundestagsmitglied Michael Brand sprach von der osthessischen Art, von Vaterland und Vaterlandsstolz, ordentlichen Leuten und vor allem von der Fussballweltmeisterschaft 2006:

Wir alle haben vor wenigen Wochen erlebt, was Deutschland ist.  Es war ein wunderbares Bild, es war ein tolles Gefühl und waren große Emotionen das schwarzrotgoldene Fahnenmehr zur Fussball-WM, Die Welt zu Gast bei Freunden. Das ist Deutschland und die Stadien und die Fanmeilen und die Plätze in den Städten, der Uniplatz, hier in Fulda, die Kneipen. Wir alle haben es doch erlebt, wie Deutschland ist und was Deutschland ist und das Brandenburger Tores war bunt es war ausgelastet es war ein Farbenmeer. Fröhlich [...] ausgelassen [...] das war das Motto, das ist Deutschland.

Er getraute sich sogar den Namen seines höchst umstrittenen Vorgängers Alfred Dregger , der sich Ende der 80er Jahre z.B.  für die Freilassung des ehemaligen SS-Hauptsturmführers Ferdinand Hugo stark machte, zu erwähnen. Beifall erntete der CDU-Abgeordnete für seine Rede dennoch. Bei einem so breit angelegten Aktionsbündnis in Fulda vielleicht unvermeidbar.

Die Rede des 90jährigen Zeitzeugen Peter Gingold , der als Widerstandskämpfer dem Tod nur knapp entging, war dagegen echt, ehrlich und wirklich sehr ergreifend. Eine Aufzeichnung dieser Rede wird in Kürze hier hinterlegt werden. Da gibt es nichts zu Kommentieren.

Die Landtagsabgeordnete der Grünen Frau Hölldobler-Heumüller legte Wert auf die Bürgerbeteiligung und nicht-parteipolitische Gruppierungen:

[...] denn ich glaube, dass sie die alle gekommen sind, viel wichtiger sind, sind als alle Politiker, die alle hier vorne stehen, denn den Widerstand gegen die Rechten, den kann nur eine Bevölkerung gemeinsam organisieren.

[...]wir brauchen eine Politik, die die Kraft hat mit Inhalten zu werben, mit Inhalten deutlich zu werden und nicht eine Politik, wo es darum geht, die Lufthoheit über die Stammtische zu gewinnen.

[...]eine Gefahr ist die Blindheit auf einem Auge und wenn ich mir anschaue, dass hier vorne die gleichen Menschen stehen, die vor 8 Jahren auf dem Uniplatz Unterschriften gegen Ausländer gesammelt haben, dann frage ich mich: was ist das für eine Meinungsmache? Dann frage ich mich: wie ernst ist das gemeint, was hier vertreten wird?

Wer glaubt, dass zu diesem Zeitpunkt die CDU-Poliker vor der Bühne (vgl. Bilderstrecke) bereits vor Scham im Erdboden versunken wären, der irrt (leider!).

[...]Und an einem zweiten Punkt hätte ich mir mehr Nachdenklichkeit gewünscht: der einzige Grund, warum dieser Teil Deutschlands im deutschen Bundestag nicht mehr von Martin Hohmann vertreten wird, ist Gerhard Schröder, der zurückgetreten ist. Ansonsten wäre klar, diese Region wird im Bundestag nach wie vor von Herrn Hohmann vertreten, der hier gewählt worden ist."

Siehe auch Bilderstrecke

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